Guide Michelin startet Onlineportal: Jeder Gast ist Kritiker

Die weltberühmten Köche Alain Ducasse und Joël Robuchon konnten nicht fassen, was der Guide Michelin da am Jahresanfang verlauten ließ. Im Januar gelang die Planung Michelins an die Öffentlichkeit, eine Internetausgabe des weltbekannten Restaurantführers zu publizieren. «Wenn das passiert, wird es innerhalb der Branche zu einem Aufstand kommen», drohte Ducasse. «Das würde sowohl für uns als auch für euch das Aus bedeuten», ging Robuchon noch einen Schritt weiter.

Beta-Version ist online

Dass der Guide Michelin eine Online-Plattform plante, war nicht alleine der Grund zur Aufregung. Vielmehr störte sich die Branche an der Tatsache, dass die Homepage auch für Kommentare freigegeben werden sollte. Außerdem plante der Guide Michelin die Veröffentlichung von Restaurants, die von den Testern nicht besucht wurden - gegen Bezahlung. Zwar verzögerte der Widerstand der Branche die Publizierung der Seite, doch seit dem 6. März ist die Beta-Version von restaurant.michelin.fr online.

Das gemeine Volk erhält das Wort

Am 1. März erschien der Guide Michelin Frankreich 2012. Der einstige gastronomische Riese wankt bedächtig. So waren die Verkaufszahlen der gedruckten Fassung des Restaurantführers im vergangenen Jahr um 22 Prozent rückläufig.

«Worüber sich die gnädigen Herren so empört hatten, war einfach, dass nun auch das gemeine Volk die Möglichkeit erhalten sollte, ihre edlen Tafeln zu bewerten», schrieb der Gastronomiekritiker Alexandre Cammas in der französischen Tageszeitung Le Monde. Im Jahre 2000 gründete Cammas den Gastroführer Fooding, dem es um Authentizität und Kreativität und nicht um 'copy and paste' geht», so der Kritiker. Fooding kehrte vielen Sterne-Restaurants den Rücken und setzt auf Restaurants, die eine Nachfrage schaffen. Ganz im Gegensatz derer, die ihr nur entsprechen wollen.

Die Verkaufszahlen der gedruckten Fassung des einst so ungreifbaren Restaurantführers Guide Michelin waren im vergangenen Jahr um 22 Prozent rückläufig. Noch vor zehn Jahren hüllte sich das Buch in Schweigen und verteilte seine Sterne kommentarlos. Heutzutage sind die wenigsten Menschen bereit, hohe Beträge für die Gerichte einer Spitzenküche zu bezahlen.

Die Definition Haute cuisine (deutsch: Hohe Küche), welche der Restaurantführer Gault-Millau einst prägte, verliert nach und nach an Wert. Wer sich an den Werten eines Nobelrestaurants orientiert, ist nicht mehr gleich in. Es zählt Kreativität und die Note des Besonderen.

Da trifft sich die Idee der Internetplattform des Guide Michelin recht gut, so wankt der angeschlagene Riese ganz bedächtig. Als sich die Chefs des Guide Michelin im vergangenen Jahr mit den berühmtesten Köchen Frankreichs zusammensetzten, stockte denen der Atem. Das Volk soll das Wort erhalten? Der Widerstand der Branche fiel so riesig aus, dass die Webseite überarbeitet wurde: Die rigoros moderierten Kommentare unter den Einträgen der Restaurants sollen die Information enthalten, wann der Kommentierende im Restaurant gegessen hat.

Der einstige Riese wankt

In Frankreich stellen sich die Feinschmecker die Frage, ob die Maßnahmen des Guide Michelin nicht vielleicht zu spät kommen. Das berühmteste rote Buch der Welt wird den französischen Restaurantnomaden einfach nicht mehr gerecht. Das schwerfällige Exemplar kommt mit der rasanten Fluktuation der Sternehäuser nicht zurecht.

Natürlich sind alle über 100 Tester des Guide Michelin ausgebildete Köche, auch sind sie anonym und zahlen ihre Rechnungen. Doch die allein in Frankreich 3.500 beschriebenen Restaurants mehrmals im Jahr zu testen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Des Weiteren kritisieren Experten den Guide Michelin bezüglich der Bewertung der Ausrüstung und Inneneinrichtung. Das Dekor im Restaurant wird augenscheinlich zu hoch bewertet, so muss ein Drei-Sterne-Restaurant Unsummen für Gläser, Besteck, Teller und Einrichtung ausgeben. Köche sollen kochen, nicht am Schreibtisch ihre Ausgaben kalkulieren - so der Vorwurf der Experten.

Seit knapp drei Wochen ist die Beta-Version von restaurant.michelin.fr, auf der ein jeder Gast die besuchten Restaurants bewerten kann, nun im Netz zu finden. Viele Unklarheiten bleiben, vor allem seitens des Guide Michelin. Doch eines scheint sicher: Das wird noch sehr unterhaltsam werden.

26. März 2012

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