Stevia: Umstrittene Süßstoff-Pflanze erhält die Zulassung

Jahrelang kursierten Gerüchte darüber, die Süßpflanze Stevia solle in der EU zugelassen werden. Der aus der Pflanze Stevia rebaudiana gewonnene Süßstoff war zuvor lange verboten; zu groß waren die Sorgen um eine Genotoxizität und eine krebserregende Wirkung. Nachdem die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) den pflanzlichen Süßstoff nun positiv bewertete, ist er ab sofort als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen.

Die in Tabletten-, Pulver- und Flüssigform zu erwerbenden Stevia-Süßstoffe glänzen vor allem durch ihre kalorienfreien und zahnfreundlichen Eigenschaften.

Wenngleich Stevia ursprünglich aus Südamerika stammt, wird die auch unter den Namen Honigkraut und Süßblatt bekannte Pflanze inzwischen zusätlich in Israel, Thailand, China sowie in Mittelamerika angebaut. In der Heimat Südamerika wird Stevia bereits seit langer Zeit als Heilmittel und Süßstoff genutzt, so sagt man der Pflanze auch eine blutdrucksenkende und antimikrobielle Wirkung nach. Im Vergleich mit Zucker hat Stevia vor allem durch die Süße die Nase vorn: Die Blätter sind bis zu 30 Mal, die darin enthaltenen Süßstoffe Steviolglykoside sogar 150 bis 300 Mal süßer.

Keine gesundheitlichen Auswirkungen

Foto: By Ethel Aardvark (Own work) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AStevia_rebaudiana_foliage.jpg">via Wikimedia Commons</a>
Foto: By Ethel Aardvark (Own work) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Die Debatten um die gesundheitlichen Auswirkungen des Süßstoffes verstummten nie: So ergaben Tierversuche in den achtziger und neunziger Jahren, dass Stevia Krebs auslösen und unfruchtbar machen könnte. Da die dementsprechenden Studien in Japan allerdings mit einem Rattenstamm durchgeführt wurden, der zu Krebsbildungen neigt, sind die Ergebnisse nicht haltbar. Nun, circa 20 bis 30 Jahre danach, bewertete die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) den pflanzlichen Süßstoff nun positiv. Laut der Efsa hat die Pflanze keinerlei Krebs erregende, toxische oder negative Auswirkungen auf die Fortpflanzungsorgane in sich, so dass einer EU-Zulassung nichts im Wege steht.

Seit dem 2. Dezember 2011 sind Steviolglykoside, also die Eigenproduktion der Pflanze, in der EU als E 960 zugelassen. Da die EU gesundheitliche Tests allerdings langfristig durchführen möchte, wurde die Verwendung der Pflanze zunächst stark begrenzt: Maximal 30 Prozent des Zuckers dürfen ersetzt werden. Steviolglykoside bewirken, dass die Blätter der Pflanze süß schmecken. Weil diese pflanzlichen Stoffe allerdings chemisch gewonnen werden, darf der Süßstoff nicht als natürlich bezeichnet werden. Die EU legte eine zulässige Tagesdosis von vier Milligramm Steviolglykosid pro Kilogramm Körpergewicht fest. Für die Süßung einer Flasche Eistee reicht dies nicht. Die Lebensmittelindustrie bereitet sich daher auf typische «30 Prozent weniger Zucker»-Kampagnen vor.

Zusätzlich wird eine Kombination aus Zucker und Stevia-Produkten empfohlen. Zum Beispiel für Bäcker, die auf die Karamellisierung des Zuckers angewiesen sind, eignet sich Stevia eher weniger. Vor allem hat die Pflanze aber medizinische Vorteile, so profitieren Diabetiker davon, dass der Stevia-Süßstoff keinerlei Auswirkung auf den Insulin-Spiegel hat.

Coca-Cola mit einem langfristigen Stevia-Plan

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Man darf gespannt sein, welche Unternehmen sich an der Stevia-Zulassung ergötzen und eigens Hand anlegen. Vor allem Coca-Cola begrüßt die Zulassung. Gemeinsam mit dem amerikanischen Konzern Cargill Inc. arbeitete der größte Softdrinkhersteller der Welt in den letzten Jahren ununterbrochen an einer Stevia-Umsetzung und stellte als einer der ersten Unternehmen einen Zulassungsantrag für Stevia bei der EU. Im Zuge dessen meldete Coca-Cola bereits dutzende Patente an. In Ländern, in denen der Süßstoff bereits zugelassen ist, hat der Konzern bereits verschiedene Getränke eingeführt. So ist das Unternehmen diesbezüglich unter anderem in den USA und in Frankreich aktiv.

Nicht nur für Diabetiker, sondern auch für Allergiker und Menschen, die abnehmen möchten, ist die Einführung von Stevia ein Segen. Keine Kalorien, kein Anstieg von Blutzucker - so die wesentlichen Vorteile des Süßstoffs. Ob dieser sich in Deutschland durchzusetzen weiß, darf kritisch verfolgt werden. Schließlich stammen die vorgelegten Studien aus Japan, einem Land mit einem gänzlich anderen Konsumverhalten als dem europäischen. Zudem harmoniert Stevia nicht mit allen Lebensmitteln. In Frankreich gab es erste Versuche mit Stevia-Joghurt, der sich als Ladenhüter erwies.

14. Dezember 2011